Pauschal oder Individual? Methodisch betrachtet

Ich bin kein Freund von Pauschalreisen. Ich habe keine Lust darauf als einer von vielen einen durchgeplanten Urlaub zu machen, der nur dadurch individuell wird, weil ich im Katalog zwischen hunderten von Angeboten auswählen kann.

Ich will richtig individuell reisen. Mir mein Ziel, meine Unterkunft, meine Art zu reisen selbst aussuchen und das möglichst spontan. In meinen VW-Bus steigen und irgendwo hin fahren. Wenn es mir dann nicht gefällt fahr ich halt weiter. Selbstbestimmung und selbst entscheiden.

 

Pauschal oder Individual?

Aber es geht nicht nur ums Reisen. Wir pauschalisieren, sind individuell und berechnen Pauschalen.

Jeder möchte als Individuum wahrgenommen werden wendet aber selbst ganz automatisch Pauschalisierung bei anderen an. Dabei handelt es sich um einen ganz natürlichen Mechanismus. Wir haben das auch so tief in unsere Gesellschaft und unser System verankert, dass uns das richtig Probleme macht.

 

Der Unterschied

Ich möchte beide Begriffe mal methodisch betrachten.

Eine pauschale Methode ist nichts anderes, als eine Methode, die immer dann angewandt wird, wenn das Problem passt. Dabei ist völlig egal welche Umstände herrschen. Ich betrachte nur genau dieses Problem und löse es mit exakt dieser Methode.

Eine individuelle Methode ist demnach eine Methode, die flexibel ist und sich dem Problem anpasst. Sie betrachtet die Umstände und reagiert darauf.

 

Ein Beispiel:

Ich habe eine Pferdehaarallergie und weiss nichts davon. Nach dem Besuch eines Rodeos bekomme ich eine laufende Nase und fühle mich miserabel. Ich gehe also zum Arzt.

Ein Arzt, der nach einer pauschalen Methode vorgeht würde mir jetzt vermutlich etwas gegen eine Erkältung, vielleicht sogar gegen einen grippalen Infekt verschreiben.

Nach der anderen Methode würde ein Arzt zuerst die Umstände klären, so herausfinden, dass ich beim Rodeo war und so evtl. auf eine Allergie tippen. Er würde das untersuchen und dann die ideale und auf mich abgestimmte Therapie anwenden: „Kein Rodeo! Sie sind doch kein Cowboy“

 

Das Problem

Was wir an dem Arztbeispiel sehen können sind zwei Dinge.

Zum Einen möchte jeder lieber mit einer individuellen Methode behandelt werden, zum anderen sind diese Methoden sehr viel zeitaufwendiger und erfordern eine intensive Beschäftigung mit Ursache und Lösung.

Es ist aber auch so, dass Pauschalmethoden im Komplexen Umfeld nicht funktionieren.
Was ein komplexes Umfeld ist, könnt ihr in meinem letzten Beitrag noch einmal nachlesen -> Ist Komplexität ein Problem?

Sie können höchstens Symptome lindern aber niemals Ursachen lösen.

Dafür funktionieren sie in komplizierten Systemen hervorragend. Hier können wir auch problemlos nach dem berühmten Schema F vorgehen.

 

Was genau sind Individualmethoden und wie setze ich sie ein?

Individualmethoden bestehen letztendlich aus der individuellen Behandlung eines Problems. Es ist also immer ein Mensch beteiligt, der das Wissen hat, wie er mit der Situation umgehen muss. Er lernt an der Situation, verbessert sich kontinuierlich und im Idealfall tauscht er sich dabei mit anderen aus.

Natürlich wählt er dabei immer aus einem Pool aus Lösungsansätzen aus, aber durch die individuelle Betrachtung gibt es nie DIE Standardlösung. Deswegen gilt hier auch immer, WER kann hier helfen und nicht WIE geht das?

In komplexen Systemen können meiner Meinung nach nur Individualmethoden eingesetzt werden. Diese gilt es überhaupt erst einmal einzusetzen und dann natürlich auch zu optimieren. Denn nur wenn sie rund laufen können sie die auf den ersten Blick funktionierenden pauschalen Modelle ersetzen.

Ich spreche hier in erster Linie aus Organisationsstruktureller Sicht, das kann aber auf die gesamte Gesellschaft übernommen werden.

Ein wichtiges Hilfsmittel hierfür ist die Digitalisierung. Sie bietet uns auf der einen Seite die Möglichkeiten die komplizierten Teile zu automatisieren, indem z.B. Bestellvorgänge durch IT-Prozesse übernommen werden. Zum anderen bietet sie ein enormes Potential an Informationsaustausch und Transparenz wodurch Zusammenarbeit erheblich erleichtert wird.

Überflüssige und starre Praktiken können so aufgebrochen werden und flexibler gestaltet werden weil Mitarbeiter wieder Zeit haben, sich um ihr Kerngeschäft zu kümmern. Den Kunden.

 

Was ist mit Regeln und Standards?

Wir sehen also, Bürokratisierung durch Regelungen und harte Anweisungen schränken die Individualmethoden extrem ein. Besser sind hier Prinzipien, die dem Mitarbeiter die Möglichkeit geben, individuell den Umständen entsprechend zu handeln und zu entscheiden. Die Verantwortung muss hier beim Mitarbeiter liegen.

 

Fazit

Pauschale Methoden haben überall dort einen Sinn, wo Standardisierung funktioniert. Sie vereinfachen und sparen dadurch Aufwand. Komplizierte Systeme können so besser gesteuert und kontrolliert werden.

Individuelle Methoden sind ideal dort, wo jedes Problem differenziert betrachtet werden muss. Wo ein Mensch durch sein Können eine Lösung finden kann.

 

Noch eine kurze Anmerkung zu meiner Einleitung und einem damit verwandten Thema, den Abos und Flatrates:

Diese sind letztendlich nur deswegen so erfolgreich, weil sie so günstig sind. Der Kunde akzeptiert hier ein Angebot, das zwar nicht auf ihn zugeschnitten ist, bekommt aber dafür einen wesentlich billigeren Preis als für die jeweilige Einzelleistung und muss sich zusätzlich um nichts kümmern. Hier bestimmt der Markt das Angebot. Einen anderen Weg gehen Flatrates und Abos neuerdings. Hier bekommt man zwar auch einen günstigen Tarif im Vergleich zur Einzelleistung, kann sich aber dann aus einem sehr großen Angebot seine individuelle Leistung zusammenstellen. Erfolgreiche Beispiele hierfür sind Streamingdienste wie Netflix oder Spotify. Eine Trennung zwischen Pauschale und Individuellem Angebot ist also nicht immer so einfach.

 

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